Zur Wiesn-Zeit in der S2: „Wer hat da hingekotzt?“

Bahnhof Erding, Foto: ednetz

„Welcher Hurensohn hat da hingekotzt?“, gröhlt der Halbstarke quer durch den Waggon. Seine Kumpel lachen. Ja, S-Bahn-Fahren während der Wiesn ist nicht immer angenehm. Doch wie schlimm ist es wirklich? Unser Autor ist einen Abend und eine Nacht lang auf der Strecke Erding-Hackerbrücke mitgefahren. Ein Protokoll.

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Wenig los am Bahnsteig in Erding. Foto: ednetz

17.52 Uhr, Erding: Die Ruhe vor dem Sturm? Auf dem Bahnsteig stehen nur wenige Menschen. Kaum einer trägt Tracht. Wohl alle – angesichts der späten Stunde – schon auf der Wiesn?

17.55 Uhr, Erding: „Welcher Hurensohn hat da hingekotzt?“ Lautstark betreten vier Jugendliche, Kategorie Nachwuchsrapper, die S2 Richtung Dachau. Worüber sie sich ereifern: Im Bereich einer der vorderen Türen hat tatsächlich jemand seinen Mageninhalt entleert. Es ist fast der einzige Hinweis darauf, dass in München zu diesem Zeitpunkt die eine oder andere Maß gekippt wird.

18.00 Uhr, Altenerding: Kaum Trachtler, viele Familien. Auch an der zweiten Erdinger Haltestelle ist vom Oktoberfest eher wenig zu spüren. Die wenigen, bei denen auf den ersten Blick klar ist, dass sie als die Ziel Wiesn haben, tippen und scrollen ruhig auf ihren Smartphones. Auf dem Bahnsteig gegenüber steht eine Gruppe Oktoberfest-Gänger, allerdings ist sie schon auf dem Heimweg.

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Nur wenige tragen Tracht. Foto: ednetz

18.13 Uhr, Markt Schwaben: Selbes Bild auch hier. Am Bahnsteig sitzen mehr Wiesn-Rückkehrer, als in die S-Bahn einsteigen. Sie wirken vergleichsweise nüchtern.

18.36 Uhr, Leuchtenbergring: Mittlerweile stehen die ersten Fahrgäste in den Gängen. Die Dirndl-Quote ist stark gestiegen. Schräg gegenüber sitzt eine Gruppe Jugendlicher. Die rot-weiße Trachtenbluse eines Mädchen verrät ihr Reiseziel.

18.46 Uhr, Marienplatz: Die Gruppe unterhält sich. Über Parties, Schlägereien und den neuen „Ghetto-Slang“ ehemaliger Freundinnen. Ein Mittzwanziger mit hellblauem, aufgeknöpftem Trachtenhemd hört interessiert zu. Draußen stehen Gruppen von Wiesn-Gängern und Wiesn-Rückkehrern.

19.09 Uhr, Hackerbrücke: Zahlreiche Menschen – Oktoberfest-Besucher und Security-Personal – auf dem Bahnsteig. Als die S2 Richtung Erding einfährt, schallt „Atemlos“ von Helene Fischer aus dem Wagen, den die Polizei auf der Hackerbrücke einsetzt, um die Gemüter der Menge zu beruhigen.

19.15 Uhr, Marienplatz: Eine englischsprachige Touristin präsentiert stolz – und wenig nüchtern – einen mitgenommenen Maßkrug. Ob ihn jemand ersteigern wolle, ruft sie durch den Gang. Für 1000 Euro? Einige lachen, allen voran ihre blonde Freundin. Das Angebot allerdings nimmt niemand an.

19.18 Uhr, Rosenheimer Platz: Gegenüber sitzt ein Pärchen, er in Lederhose, sie im Dirndl. Das Mädchen trägt ein Lebkuchenherz um den Hals. Aufschrift: „Ich liebe dich“. Viel zu sagen haben sich beide an diesem Tag allerdings nicht mehr. Er schaut ins Leere, sie versucht, an seiner Schulter zu dösen. „Nicht geschlafen, dicht auf’s Fest“, bilanziert ein paar Reihen weiter ein anderer das Erlebte.

20.08 Uhr, Erding: Kaum hat sich die S-Bahn geleert, durchstreift ein Mann – um die 50, gepflegt, dunkle Kleidung, dunkler Rucksack – die Reihen. Behände und ohne Zeit zu verlieren, öffnet er jeden Mülleimer – auf der Suche nach liegengebliebenen Flaschen. Seine Ausbeute verstaut er in einem mitgebrachten Augustiner-Kasten.

20.12 Uhr, Erding: Am hinteren Ende der Bahn prostet sich eine größere Mädchengruppe – offenbar auf dem Weg nach München – zu. Bierdeckel fallen zu Boden.

20.15 Uhr, Erding: „Pfiat di, merce für’s Fahren“, rufen zwei jugendliche Wiesn-Gänger, die zuvor noch am Bahnsteig standen, dem Fahrer der S-Bahn zu. Der unterhält sich unterdessen mit dem Flaschensammler. Man scheint sich zu kennen. „Andere lassen mich gar nicht sammeln“, sagt der Mann mit dem Rucksack.

20.42 Uhr, Poing: Eine Seniorengruppe steigt ein und setzt sich auf die vier Plätze schräg gegenüber. Die drei Frauen sind schick angezogen, der Mann trägt Tracht. Hier sind die Themen ganz andere als zuvor bei den vier Jugendlichen. Wenn sie im Bett liege und sich nicht gut fühle, vermisse sie ihren (offenbar kürzlich) verstorbenen Mann, sagt eine der Frauen.

21.15 Uhr, Hackerbrücke: Zwei dem Anschein nach recht angetrunkene Frauen, eine ein wenig älter als die andere, lassen sich auf die beiden gegenüberliegenden Sitze plumpsen. Schnell entbrennt eine Diskussion wie sie Angetrunkene häufig führen. Es geht darum, wer denn jetzt „den Seppi“ anrufe, damit der die beiden abhole. „Ruf du hoit den Seppi an“, fordern sie einander immer wieder auf. Etwas weiter stehen zwei Oktoberfest-Touristen mit halbvollen Maßkrügen. Scheint wohl doch nicht so schwer zu sein, einen davon mitgehen zu lassen.

21.24 Uhr, Hackerbrücke: Aus dem Polizeiwagen auf der Hackerbrücke schallt „Live is life“.

21.29 Uhr, Hackerbrücke: In der S2 Richtung Erding raucht ein Mann in der Tür eine Zigarette. Ein Security-Angestellter reißt sie ihm aus dem Mund: „Du darfst hier nicht rauchen.“ Der Mann setzt sich daraufhin zu einer größeren Gruppe Wiesn-Besucher. Wo sie denn herkommen, fragt er, der selbst ein Bayer ist. „Aus dem Schwabenländle“, antworten sie. „Pech gehabt“, erwidert der Mann. Kurz darauf erzählt er, dass er sein Handy verloren hat. Er möchte nun zum Auto seiner Freunde fahren und dort warten. Ob die allerdings noch heute oder erst am nächsten Tag dorthin kommen, weiß er nicht.

22.07 Uhr, Markt Schwaben: „Diese S-Bahn endet hier“: In Markt Schwaben müssen alle Erding-Reisenden aussteigen. Die meisten scheinen das allerdings gewusst und gleich die Direktverbindung genommen zu haben. Am Bahnsteig sitzen allein vier Italiener. „Wir müssen jetzt 20 Minuten warten“, weiß einer von ihnen.

22.30 Uhr, Ottenhofen: In der S2 ist nun richtig was los. „Allee Allee Allee Allee Allee, eine Straße, viele Bäume, ja, das ist eine Allee“, gröhlt eine Männergruppe am Zugende. „Links, rechts, vor, zurück“, schallt es aus der Mitte.

22.43 Uhr, Erding: Manch einer, der sich nach dem Weggehen in die S2 nach Erding setzt, durfte diese Erfahrung schon machen: Man schläft ein und wacht nach einer langen Tour durch das MVV-Netz dort auf, wo man nicht aufwachen möchte, wenn man eigentlich nach Erding fahren wollte: in Petershausen, am anderen Ende der S2. Auch an diesem Tag sind einige Fahrgäste gefährdet, ihr Ziel zu verschlafen. Einen Fahrgast weckt der Fahrer der S-Bahn. Er verlässt den Wagen recht schnell. Ein weiterer braucht etwas länger. Erst reibt er sich die Augen und signalisiert dem Fahrer, nicht aussteigen zu wollen. Dann taumelt er doch aus dem Wagen.

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23.04 Uhr, Erding: „Ich hab’s dir doch heute Vormittag schon gesagt“, schreit der Mann wütend über den Erdinger Busbahnhof. Offenbar sind er und seine Frau sich nicht ganz einig darüber, wer wen wann wo abholen sollte.

23.14 Uhr, Erding: Die Erdinger S-Bahn ist fast leer. Ein einzelner Mann in Tracht fährt Richtung München. An einer Tür steht eine leere Bierflasche.

0.21 Uhr, Hackerbrücke: „Wahnsinn, warum schickst du mich in die Hölle?“, fragt Wolfgang Petry aus dem Lautsprecher der Polizei.

0.28 Uhr, Hackerbrücke: Ein guter Teil derer, die am Bahnsteig warten, hat recht glasige Augen.

0.42 Uhr, Rosenheimer Platz: Auf dem Bahnsteig liegt ein Mann auf dem Boden und schläft. Er rührt sich nicht, keiner scheint ihn zu beachten. Plötzlich weckt ihn ein anderer, offenbar ein Kumpel. Sie raffen sich auf, sind allerdings zu langsam, um noch die Erdinger S-Bahn zu erwischen.

1.15 Uhr, Markt Schwaben: Zwischenstopp in Markt Schwaben. Auf einer Bank schläft ein Mann mit Wiesnhut auf dem kopf. Ein Mann und zwei Frauen stellen sich nacheinander vor ihm auf, das Smartphone griffbereit. Alle drei, die klar im Erwachsenenalter sind, schießen kichernd Erinnerungsbilder.

Foto: ednetz
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1.30 Uhr, Ottenhofen: Auf den Sitzen schräg gegenüber sitzen ein Mann und zwei junge Frauen. „Wieso schreibe ich jetzt meinem Chef?“, regt sich eine der beiden über ihre offenbar soeben versendete Nachricht aus. Sie habe nicht gewusst, dass sie am folgenden Tag arbeiten müsse, erzählt sie ihrer Freundin.

1.39 Uhr, Altenerding: In Altenerding zieht eine Gruppe einen (wohl betrunkenen) Mann aus der S-Bahn, schleift ihn über den Boden. „Machen wir einen Vorhang davor, dann sieht das keiner“, kommentiert einer von ihnen.

1.40 Uhr, Altenerding: „Die Nummer geht mir nicht mehr aus dem Kopf“, ruft ein Mann dessen Freunde – ein Mann und eine Frau, knutschen – „Und die Schiesser-Feinripp auch nicht!“

1.50 Uhr, Erding: Der Tag hat Spuren auf dem Bahnsteig hinterlassen. An mehreren Stellen liegt Erbrochenes. Die Reise endet damit, wie sie begonnen hat.

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Niklas schreibt seit 2013 für ednetz. Darüber hinaus für die Augsburger Allgemeine und den Erdinger Anzeiger. Er hat Staatswissenschaften an den Universitäten Passau und Turin studiert. In Erding ist Niklas zur Schule gegangen.