Europawahl 2014: Lohnt es sich, zu wählen? – Ein Interview

Europawahl 2014 in Erding, Foto: ednetz / Niklas Molter

„Wählen gehen? Nicht schon wieder“, mag sich der ein oder andere Bürger denken. Nach der Landtags- und der Bundestagswahl im September 2013 und der Kommunalwahl vor gerade einmal zehn Wochen steht der nächste Urnengang vor der Tür: Am 25. Mai findet in Deutschland die Europawahl statt. Europa? Das scheint vielen weit weg. Lohnt es sich da überhaupt, wählen zu gehen? Ein Kurz-Interview mit einem Sozialkunde-Lehrer.

Stefan Grabrucker, Foto: Stefan Grabrucker
Stefan Grabrucker, Foto: privat

Für ednetz haben wir mit Stefan Grabrucker gesprochen. Stefan Grabrucker unterrichtet Deutsch, Sozialkunde und Geschichte am Korbinian-Aigner-Gymnasium in Erding.

Herr Grabrucker, können Sie verstehen, dass die Wähler bei der vierten Wahl innerhalb von acht Monaten wenig Lust verspüren, an die Wahlurne zu gehen?
Nein, ich habe keine Verständnis für eine Wahlmüdigkeit, wie sie oft behauptet wird. Vier Wahlen in acht Monaten bedeutet, dass ich einmal alle zwei Monate ein kleines bisschen Aufwand auf mich nehmen muss, um meine Herrschaft als Teil des Souveräns, des Volkes, auf mich zu nehmen. Das ist wirklich nicht zu viel verlangt.

Europawahl – wozu? Lohnt es sich überhaupt, wählen zu gehen?
Es lohnt sich immer, seine Stimme abzugeben – weil man auf diese Weise Einfluss auf die politischen Entscheidungen nimmt. Und zwar nicht nur in Europa: Auch in Deutschland werden die Parteien das Ergebnis sehr genau beobachten. Wer etwas verändern will, der muss auch wählen gehen, mindestens das. Wer seine Stimme nicht abgibt, hat meiner Meinung nach kein Recht zu jammern und er trägt auch die Verantwortung dafür, dass Rechtsradikale und Neonationalisten das Projekt Europa stören. Europa ist ein einzigartiges und großartiges Friedensprojekt, dass dem Kontinent Wohlstand und Freiheit geschenkt hat. Trotz einiger Fehlentwicklungen: Europa muss gestärkt werden – auch durch eine hohe Wahlbeteiligung für das Europäische Parlament, das mittlerweile ein vollwertiges Parlament mit vielen Befugnissen ist.

Worum geht es bei der Europawahl 2014?
Auch wenn es hochtrabend klingt: Es geht um die Zukunft Europas. Es geht darum, ob wir dieses einzigartige Projekt weiter vorantreiben, oder ob Europa in altes nationales Denken zurückfällt, die gegenseitige Solidarität aufkündigt und nur noch auf den eigenen Vorteilt schielt. Es geht darum, ob wir nationale Egoismen oder die freiheitlichen Werte Europas wählen. Es geht darum, ob wir Homophobie oder Toleranz, Weltoffenheit oder Angst, Zukunft oder Vergangenheit wählen. Deshalb ist diese Wahl so wichtig.

Wie realistisch ist es, dass (ober-)bayerische Abgeordnete ihre Ziele umsetzen können? Gerade mit Blick auf die Ziele ihrer jeweiligen Heimatregion – in unserem Fall Erding?
Im Europäischen Parlament sitzen über 700 Abgeordnete und jeder versucht, seine Region zu unterstützen. Insofern würde ich den Einfluss eines einzelnen oberbayerischen Abgeordneten nicht überschätzen. Und es stellt sich auch die Frage, ob es tatsächlich darum geht, für die eigene Region am meisten herauszuholen, oder ob es nicht vielmehr darum gehen sollte, für ganz Europa sinnvolle Entscheidungen zu treffen. Ich persönlich denke lieber in europäischen als in nationalen Kategorien.

Herr Grabrucker, vielen Dank für das Interview.

Offenlegung: Der Autor und sein Interviewpartner stehen in einem persönlichen, bekanntschaftlichem Verhältnis zueinander.